»Rechtes Land« - Artist Talk mit VGH-Fotopreisträger Julius Schien
- lisahaym
- 11. Jan.
- 3 Min. Lesezeit
Auch in diesem Jahr wurde der VGH-Fotopreis mit einem Preisgeld von 10.000 Euro von einer Jury aus sieben hochkarätigen Expert*innen vergeben. Seit 2008 richtet sich der Preis ausschließlich an Studierende des renommierten Studiengangs Visual Journalism and Documentary Photography der Hochschule Hannover. Laut VGH dient die jährliche Preisverleihung sowohl der Förderung von Nachwuchstalenten als auch der Attraktivitätssteigerung der Studienlandschaft in Niedersachsen.
Die Ausstellung der Finalist*innen sowie des Preisträgers fand vom 04.12.2025-11.01.2026 in der Galerie für Fotografie (GAF) statt. Am 8. Januar wurde dort zudem ein Artist Talk mit Julius Schien und Prof. Dr. Karen Fromm (Professorin im Studiengang Visual Journalism and Documentary Photography) veranstaltet, über den ich im Folgenden berichten möchte.
Mit seinem Projekt »Rechtes Land« gewann Julius Schien 2025 den hochdotierten Fotopreis. Seine Arbeit dokumentiert Tatorte rechtsextremer Gewalt in Deutschland seit 1990. Schien zeigt diese Orte in einer, wie er selbst sagt, Banalität und Alltäglichkeit, die beinahe langweilig wirkt. Tatsächlich erscheinen die Orte zeitlos und austauschbar, als könnten sie überall sein. Nicht selten identifizieren Betrachter*innen einen Ort fälschlicherweise als ihre eigene Nachbarschaft – etwas, das mir beim Rundgang durch die Galerie selbst auch passiert ist.
Mittlerweile umfasst das Projekt mehr als 200 Geschichten. Ziel ist es, ein frei zugängliches und möglichst barrierefreies Archiv zu schaffen, das den Schicksalen aller Menschen, die rechter Gewalt zum Opfer gefallen sind, Raum gibt und sie in Erinnerung hält. Schien sagt, dass es natürlich schön wäre, wenn das Projekt irgendwann abgeschlossen sein könnte. Angesichts der Kontinuität rechtsextremer Gewalt in Deutschland werde er jedoch wohl weiter fotografieren „müssen“. Genau diese Kontinuität macht er sichtbar, indem er ein ganzheitliches Werk schafft, das sich nicht nur einzelnen ausgewählten Fällen oder Tatorten widmet, wie es bereits andere Künstler*innen vor ihm getan haben. Ziel sei es außerdem, das Unsichtbare sichtbar zu machen und die Thematik aus geschlossenen Räumen heraus in die Öffentlichkeit zu tragen.
Die Fotografien beziehungsweise die Orte, die sie zeigen, wirken gewöhnlich, beinahe leer. Es sind keine Menschen zu sehen, keine Plakate, keine Werbung, keine vorbeifahrenden Radfahrer. Was die Bilder inhaltlich erst wirklich füllt, ist das zur Ausstellung gehörige Booklet, das die Geschichten zu jedem Foto dokumentiert. Schien hat sich bewusst dagegen entschieden, Bildbeschreibungen direkt unter den Werken anzubringen. Diese würden schnell ablenken und zu einem zu schnellen Konsum führen, was angesichts der Gräueltaten, mit denen man in den Texten konfrontiert wird, überwältigend sein könne. So haben die Rezipient*innen die Möglichkeit, die Bilder zunächst in Ruhe auf sich wirken zu lassen und sich später mit den Texten auseinanderzusetzen. Die Zahlenreihen oberhalb der Fotografien markieren die Todesdaten der Opfer, chronologisch sortiert. Sie fungieren zugleich als Archivnummern und Zeitstrahl.
Auf die Frage, warum er sich dem Thema Rechtsextremismus und rechter Gewalt zugewandt habe, antwortet Schien, dass er das Bedürfnis verspüre, klar Position zu beziehen und ein Statement zu setzen – eines, das für ihn „nie wieder“ bedeute.
Im Artist Talk wurde Schien sowohl von Prof. Dr. Karen Fromm als auch vom Publikum intensiv zu seinen Methoden und Herangehensweisen befragt. Besonders wichtig sei es ihm, einen Ort zunächst auf sich wirken zu lassen und sich mit der jeweiligen Nachbarschaft auseinanderzusetzen. Oft gehe er zuerst in ein nahegelegenes Café oder auf ein Bier, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. „Einmal schnell abknipsen, nur um sagen zu können: Ich war hier“, das gebe es bei ihm nicht. Manchmal schlafe er mehrere Tage im Auto, manchmal reise er sogar ohne Bild wieder ab. Stimmt die Bildkomposition nicht, steht ein Auto zu viel auf der Straße, sind zu viele Menschen im Bild oder stören Wahlplakate, müsse man eben ein anderes Mal wiederkommen.
Als größte Herausforderungen der vergangenen Jahre nennt Schien finanzielle Schwierigkeiten sowie teilweise negative Rückmeldungen. Zeitweise habe er sogar darüber nachgedacht, das Projekt abzubrechen. Mit der Zeit habe sich jedoch das Gefühl eingestellt, „das Richtige zu tun“, und er sei drangeblieben. Heute erfülle ihn das Projekt mit Stolz, und er sei froh, nie aufgegeben zu haben.
Zum Abschluss fragte Prof. Dr. Karen Fromm, welchen Rat er anderen Studierenden mit auf den Weg geben würde. Schien antwortete, es lohne sich, ein Herzensprojekt zu haben und dieses konsequent weiterzuführen. Ein schöner und bestärkender Abschluss eines sehr eindrucksvollen Artist Talks.
Die Finalist*innen des VGH Fotopreises:
Armina Ahmadinia / "Mein Haus ist wolkig"
Noemi Ehrat / "The Abortion Plot"
Markus Heft / "Für uns geträumt"
Jasper Hill / "Im Land der weißen Berge"


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